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Um acht Uhr morgens stehe ich mit Schlaf in den Augen und Rucksack auf dem Rücken auf der Straße und warte auf den Fahrer, der mich zu den Pinguinen bringen wird. Es ist kalt, der Himmel bewölkt. La Serena ist für sein wunderliches Wetter bekannt. Ich mache mir ein wenig Sorgen, ob ich die Pinguine vor lauter Dunst und Wolken überhaupt sehen kann, als ich in den Kleinbus klettere. Ein chilenisches Ehepaar und ein junges Pärchen aus Südengland sitzen schon drin.

Wir brausen über die Landstraße und ich sehe zum ersten Mal die Atacama-Wüste und alle Bedenken verlieren sich in der Weite dieser fantastischen Landschaft. Auch wenn es erstmal langweilig klingt, auf Kakteen und Geröll zu blicken – die sanften Farben, die Wölbungen der Anden und die unfassbare Grenzenlosigkeit dieser Region lösen in mir ein Gefühl prickelnder Freiheit aus. Die Weite der Wüste schafft auch Raum für meine Gedanken: Kann der Blick ins Unendliche flanieren, kann sich auch der Geist ungestört ausbreiten. Immer mal wieder bleibt mein Blick an Vicuñas oder wilden Eseln hängen, die mit ihren Hufen im Wüstenstaub scharren oder an sandfarbenen Ästchen knabbern. Wir brausen vorbei an verwaisten Minen, Bretterbaracken und Siedlungen, die so verschlafen wirken, dass nur noch die Gestrüppballen fehlen, die durch die Straßen kullern, um mich in John-Wayne-Stimmung zu versetzen.

Pinguine zeigen die schwarze Schulter

Nach anderthalb Stunden Fahrt erreichen wir den Hafen von Punta de Choros. Fischer mit Gesichtern, in denen das Meer Spuren hinterlassen hat, warten auf die Touristen, um sie in ihren Holzbooten zur Isla Choros, Isla Chañaral und der Isla Damas zu schippern. Auf diese drei Inseln verteilt sich nämlich der Humboldt Nationalpark, in dem Humboldt Pinguine geschützt leben. Das Meer sei heute ruhig, sagt unser Kapitän und ich frage mich, wie es wohl bei unruhiger See ist, denn das Boot schiebt sich über beachtliche Wellen und ich bin heilfroh, dass ich bislang noch nie seekrank geworden bin. Im Internet hatte ich vorher Bilder von weißen Stränden mit türkisfarbenem Wasser gesehen und war erst etwas enttäuscht, dass sich das Wetter an diesem Tag so nordisch zeigt. Doch schnell habe ich entdeckt, dass sich bei bedecktem Himmel die Farben der schroffen Felsen, des weißen Sands und des Meeres besonders harmonisch aneinander schmiegen. Und ich liebe das raue Klima, wenn der Wind mir um die Nase braust und dabei das Salz der Gischt auf meinen Wangen kristallisiert.

Zwei der drei Inseln können wir nur mit dem Boot umfahren, damit wir die Tiere nicht stören. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben Pinguine in Freiheit. Sie tapsen am Strand entlang, tippeln über die Klippen und planschen in der Brandung und ich brauche nicht mehr, um mich zu freuen. Humboldt-Pinguine sind recht klein, wenn sie sich verstecken wollen, drehen sie ihren weißen Bauch zu den Klippen und den schwarzen Rücken Richtung Meer. Das finde ich elegant, wie sympathisch. Unser Bootslenker erzählt, dass die Pinguinpaare einander ein Leben lang treu sind und ich bin gerührt. Überhaupt herrschen an diesem geschützten Ort offenbar ideale Bedingungen für epische Romantik, denn wir treffen auch eine Vogelart, die die große Liebe zelebrieren: Stirbt das Weibchen eines Paares, bekommt der Partner vor lauter Gram keinen Happen mehr herunter und verhungert.

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Nebenan kuscheln Seelöwen miteinander und mir wird trotz rauem Klima ganz warm ums Herz. Nur die Pelikane äugen misstrauisch von ihren besudelten Felsen herab, sind dabei aber sehr fotogen. Schade nur, dass es wegen der unruhigen See so schwer war, Fotos zu machen. Ich habe unzählige Bilder von verwischten Felsen und Tierpopos auf meiner Speicherkarte. Irgendwann habe ich mich dann entschieden, nicht ständig auf das Display meiner Kamera zu schauen, sondern den Moment wahrzunehmen. Ein Foto kann den besonderen Zauber ohnehin nicht wiedergeben, der mich packt, wenn ich ihnen in die Augen sehen kann. Es kann nur meine Erinnerung auffrischen.

Nachdem wir zwei Inseln umschifft hatten, durften wir auf der Isla Damas an Land gehen. Hier gibt es zwar keine Pinguine, dafür aber eine hinreißende Landschaft und einen wunderbare Stille. Eine Stunde Zeit hatten wir, um die Insel zu erkunden und ich bin allein losgestiefelt, um den Frieden dieses Ortes voll auskosten zu können. Im Sommer baden hier massenweise Touristen und deshalb bin ich froh, in der Nebensaison hier sein zu können. Früher war es noch erlaubt, hier zu campen, aber weil die Besucher der Insel so viel Müll hinterlassen haben, ist das jetzt verboten und der Aufenthalt limitiert. Für mich persönlich ist das einerseits schade, weil die Stunde viel zu schnell vorbei war und ich zum Hafen rennen musste, damit ich das Boot nicht verpasse. Aber der Natur tut das sichtbar gut und so bin ich wieder versöhnt.