P1010059Ein Schweißtropfen perlt über meine Wirbelsäule, mein Rücken findet das nicht ganz so lustig. Seit Monaten miste ich aus: Spende ausgebeulte Pullover dem Sozialkaufhaus, brauche endlich die vier Tuben Bio-Duschgel auf, die ich mal geschenkt bekommen und für besondere Gelegenheiten im Badschrank gelagert hatte und tausche nie getragene Schuhe und einst heiß geliebte Kleidchen auf Flohmärkten gegen Bares für meine Reisekasse. Gefühlte 50 Kilo Krempel habe ich schon aus der Wohnung rausgetragen – Minimalismus ist das Ziel und so eine Reise ein prima Anlass für radikale Reduktion.

Der Weg dahin ist hart und steinig, denn seit elf Jahren lebe ich schon in dieser Wohnung und die Menschen, die mir in dieser Zeit dabei Gesellschaft geleistet haben, haben auch immer etwas zurück gelassen. Bei Umzügen ist es bei mir meist so: Anfangs drehe ich jedes Teil stundenlang in den Händen und  überlege, ob ich es auch in der neuen Wohnung brauche oder mich davon trennen sollte. Dann bricht der große Stress aus und ich stopfe den ganzen Mist einfach nur noch in die Kartons – selbstverständlich mit dem heren Vorsatz, dann beim Auspacken nochmal auszumisten. Was natürlich wegen der 25 anderen Dinge, die dann wieder wichtiger sind, nicht klappt.

Ich bewundere die Leute, die nur die drei Pullover im Schrank haben, die sie auch wirklich anziehen. Ich hingegen hänge mein Herz gern an ausgebeulte Strickjacken und verwaschene T-Shirts, weil ich mit ihnen Erinnerungen verbinde. Aber jetzt halte ich mich an das Mantra, dass die Erinnerungen mit dem Altkleiderbeutel nicht verschwinden und auch, dass ich Platz machen möchte. Sowohl in meiner Wohnung als auch in meinem Kopf.

Also wuchte ich täglich den Ballast die vier Stockwerke herunter. Jetzt schüttel ich den Kopf über mich selbst und kann nicht mehr verstehen, warum ich seit Jahren mit meiner Blockflöte umziehe. Wer braucht eigentlich diesen ganzen Quatsch? Auch mein Konsumverhalten hat sich verändert: Brauche ich das jetzt wirklich?, frage ich mich streng, bevor ich zur Kasse gehe und das tut nicht nur meiner Reisekasse gut.

Purzelte mir morgens aus dem Badezimmerschrank einst eine Kosmetikakaskade entgegen, blicke ich jetzt nur noch auf drei Tuben und fühl mich gleich viel weniger verstrubbelt. Und während wieder ein Stapel Art-Zeitschriften mit einem saftigen Rumms in die Tonne fällt, merke ich, dass meine Schritte immer leichter werden und auch im Kopf wieder mehr Platz ist. Toll. Warum bin ich da eigentlich nicht schon früher drauf gekommen? (http://www.rockundrollkoffer.de/muss-i-denn/)

Aber die Rosskur für meine Wohnung ist nur der Probelauf für die Königsklasse: Kofferpacken. Denn jedes Teil, das ich mitnehme, muss ich durch einen ganzen Kontinent schleppen, wenn auch auf Rollen.