P1010505Auf einem Aluwägelchen brät eine Peruanerin Würstchen. Den ganzen Tag steht sie neben dem U-Bahneingang der Station Quinta Normal in Santiago de Chile – nur, wenn Polizisten aus dem Park schlendern, schiebt sie den Wagen in Windeseile um die nächste Ecke, denn sie hat keine Lizenz. Ist sie nicht schnell genug, konfisziert die Polizei die mobile Küche, die ihre ganze Existenz ist. Während sie die Würste wendet und Brötchen aufschneidet, toben ihre zwei Töchter um sie herum, die Große, die etwa acht Jahre alt ist, hat psychische Probleme: Sie ist unruhig, der Blick flackert und in der Schule wird sie oft aggressiv – auf Hilfe können sie nicht hoffen, denn die Frau hat keine Papiere und das Geld reicht gerade mal, um täglich ein Essen für sich und die Kinder zu kochen.

Existenzen wie diese gibt es in Santiago de Chile viele. Alte Frauen verkaufen Strumpfhosen auf der Straße, daneben steht ein junges Mädchen mit einer Kühlbox und bietet Soja-Burger für etwa 1,50 Euro das Stück, nachts um drei frittiert ein Mann mit zerfurchtem Gesicht über einer Gasflasche Teigfladen. Diese Menschen arbeiten hart und können doch nur knapp von dem Geld, das sie dabei verdienen, überleben.

Nie zuvor habe ich solch eine Armut gesehen. Klar, im Fernsehen. Aber es ist etwas anderes, den Menschen direkt ins Gesicht zu schauen. Manchmal fühle ich mich schlecht, weil ich von Berlin hierher fliegen und monatelang durch Südamerika reisen kann. Ok, es war auch kein Spaziergang für mich, mir diesen Traum zu erfüllen, aber viele dieser Menschen hier können sich nicht mal ein Ticket in die nächst größere Stadt leisten – die meisten haben Chile nie verlassen, viele nicht einmal die Stadtgrenze.
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Der gesetzliche Mindestlohn in Chile liegt bei etwa 285 Euro. Im Monat. Und Chile ist kein Land, in dem man von zwei Euro am Tag satt werden kann – die Preise sind mit denen in Deutschland vergleichbar. Viele dieser Menschen müssen von diesem Gehalt nicht nur sich selbst über die Runden bringen, sie haben auch noch eine Familie, die sie ernähren müssen.

Doch das Schlimmste daran ist: Sie haben in der Regel keine Chance, aus dem Elend herauszukommen. Das Klassendenken in Chile ist tief verwurzelt. Völlig fremd ist mir, wie wichtig es hier ist, wie du aussiehst, welche Kleidung du trägst, welche Hautfarbe oder ethnische Wurzeln du hast, ob du ein Haus oder ein Auto hast. Die Gesellschaft definiert sich über Statussymbole, der Schein bestimmt für viele den Wert eines Menschen. Wer arm geboren wird, bleibt meist auch arm. Das liegt vor allem daran, dass Bildung Luxus ist. Eine gute Schul- oder Universitätsbildung ist so teuer, dass sie sich nur Chilenen leisten können, die ohnehin schon reich sind.

Das Klassendenken betrifft auch mich hier. Wenn ich über die Straße gehe, falle ich immer auf, weil ich ein Symbol bin: Hier bin ich nicht nur Anne. Ich bin die Europäerin. Die mit der weißen Haut, die Geld hat und Chancen. Ich mag diese Rolle nicht. Aber ich lerne dabei auch zu schätzen was in Europa selbstverständlich ist. Und ich habe großen Respekt vor Menschen wie dieser Peruanerin, die sich jeden Tag aufrafft, das Wägelchen vor den U-Bahneingang zu schieben, ohne sich Hoffnung auf ein Licht am Ende des Tunnels machen zu können.

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