Tatio Geysire, ChileBlaue Lippen, Höhenkoller und nur drei Stunden Schlaf: Ein Spaziergang war der Ausflug zu den Tatio-Geysiren nicht, aber ein atemberaubendes Erlebnis. Und das nicht nur, weil auf 4300 Metern Höhe die Luft immer dünner wird.

Früh aufstehen gehört nicht gerade zu meinen Stärken – trotzdem schäle ich mich um 3.30 Uhr aus den wohlig warmen Laken, damit ich um 4 Uhr bibbernd vor dem Hostel stehe und in den Minibus steigen kann, der mich von San Pedro de Atacama zu den Tatio-Geysiren bring, die sich ringsum den Vulkan Tatio inmitten der Atacama Wüste befinden. Es sind die am höchsten gelegenen Geysire der Erde, das größte Geysirfeld der Südhalbkugel und das drittgrößte weltweit. Wow, also.

Die Luft wird immer dünner

Während der Bus über Schotterpisten rumpelt und sich Meter um Meter in die Höhe schraubt, versuche ich ein wenig zu schlafen, aber das Knacken in meinen Ohren weckt mich immer wieder auf. So langsam zeichnet sich am Horizont eine lichte Linie ab, die mit jeder Minute breiter wird, bis der Himmel nicht mehr nachtschwarz, sondern rauchblau ist. Das ist der Zeitpunkt, zu dem ich mich aus dem Bus schäle und zum ersten Mal dünne Höhenluft atme. Die Reiseführerin rät uns, jeden Schritt mit Ruhe zu setzen und bloß nicht herumzuspringen oder zum Klo zu hetzen. Nach raschen Bewegungen ist mir aber ohnehin nicht zumute. Mir brummt der Schädel und ich ächze bei jeden Schritt als hätte ich gerade einen 100-Meter-Sprint hinter mir.

Etwa hundert Kilometer nördlich von San Pedro de Atacama sind wir auf einer Ebene angelangt, auf der sich Dampfsäulen der Tatio-Geysire gemächlich in den Himmel räkeln. Dazwischen stapfen müde Gestalten, aber ich bin auf einmal hellwach, denn Wasserdampf und Morgendämmerung sind so herrlich mystisch, dass ich unbedingt hundert Fotos schießen muss. Ich habe Mühe, mit der Gruppe mitzuhalten. Leider muss ich die Fotos mit meiner Handykamera machen, aber die macht ihren Job erstaunlich gut. (Warum ich hier mit dem Handy fotografiere, lest Ihr hier: Drama mit Panorama)

Nervenkitzel am Rand der Geysirschlote

Die Reiseführerin erklärt, dass wir unsere Begeisterung ein wenig im Bann halten müssen, weil es nahe der Geysiren sehr gefährlich ist: Ringsum den Kamin, aus dem die Dampfsäulen steigen, ist der Boden brüchig und wer sich zu nah heranwagt, bricht ein. Schon manch ein Tourist ist hier im Fotowahn in das kochend heiße Wasser gestürzt, keiner davon sei da lebend wieder herausgekommen. Das Wasser ist bis zu 85 Grad Celsius heiß.

Statt ins brodelnde Wasser zu fallen, lassen ich mir lieber die fantastische Szenerie ins Hirn brennen: Sehr malerisch zeichnen sich Schattenrisse der Besucher zwischen Dampfschwaden ab und wenn die Sonne über die Berggipfel klettert, setzen ihre gleißenden Strahlen hinreißende Akzente in die dampfenden Schlote und die satten Farben der Landschaft entwickeln eine intensive Leuchtkraft. Ich habe blaue Lippen, weil die Temperatur hier bei minus zehn Grad liegt und die Luft auf dieser Höhe weniger Sauerstoff trägt. Und während mir auf der Rückfahrt beinahe der Kopf zerspringt, bin ich dennoch ganz beseelt von der Schönheit dieses Ortes.

Aber seht selbst hier:

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