P1010620Ein besonderer Glanz erglimmt in den Augen der meisten chilenischen Frauen, wenn das Wort “Cueca” fällt. Sie geraten ins Schwelgen und die Wangen röten sich, während die Herren meist beiseite blicken. Manch einer reagiert aber ebenso entflammt und der ist stolzer Hahn im Korb. Ohne Taschentücher lässt sich das Ganze allerdings nicht überstehen. Was bringt die Chilenen also so in Verzückung?

Cueca ist der chilenische Nationaltanz. Doch die Paare umarmen sich nicht wie beim Walzer oder Tango, sondern schlawenzeln frei umeinander herum. Mann und Frau umgarnen sich dabei mit Bewegungen und Blicken, es wird heftig kokettiert – die Tanzenden wahren aber durch den streng gesteckten äußeren Rahmen stets die Form. Wichtigstes Accessoire ist ein Taschentuch, das sie neckisch über dem Kopf wedeln, über Nase und Mund halten oder lasziv über die Schulter ziehen. Mit dem Tuch, aber nicht mit den Händen können sich die Tanzenden berühren.

P1010616Es ist ein Balztanz, dessen erotische Kraft innerhalb eines strengen Gerüsts aus Schritten und Drehungen entflammt. Züchtige Regeln herrschen allerdings für den äußeren Rahmen: Der Herr bittet die Dame um einen Tanz und offeriert ihr seine Armbeuge. Sie hakt sich bei ihm unter und auf dem Weg zur Tanzfläche werden ein paar keusche Worte gewechselt. Es beginnt ein Vorspiel, bei dem sich die Tanzpartner begutachten und dabei im Rhythmus der Musik in die Hände klatschen. Ist der Tanz – der recht kurz ist – beendet, führt der Mann die Frau an seinem Arm wieder zu ihrem Platz. Dabei bedankt er sich artig und wenn ihm die Dame gefällt, bittet er um einen zweiten Tanz. Innerhalb dieses Rahmens, wenn die Musik erklingt, sprühen allerdings heftig die Funken. Wie heiß das wird, bestimmt die Frau.

Widerstand ohne Mann

Interessant ist, dass der Mann nicht führt, die Frau ist also nicht passive Tänzerin, sondern gleichberechtigte Partnerin. Tänze sind Barometer für das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die unabhängige selbstbewusste Rolle der Frau beim Cueca hat mich überrascht. Der äußere Rahmen (Mann holt Frau am Arm auf die Tanzfläche und liefert sie an ihrem Platz wieder ab) zeigt dann allerdings wieder klassische Rollenbilder.

Es gibt viele Varianten des Cueca, jede Region Chiles hat eine andere Tradition – eine Form finde ich allerdings besonders spannend: Cueca sola. Das ist nicht nur ein Tanz, sondern Protest. Diktator Pinochet hatte während seiner Amtszeit von 1973 bis 1990 tausende Regimegegner verschwinden lassen (mehr über die Pinochet-Diktatur hier). Seitdem tanzen die Frauen der Vermissten allein – ein Foto des Liebsten an die Brust geheftet. Wer Cueca in seiner klassischen Form kennt, den wird die emotionale Kraft dieses Protests nicht kalt lassen. Das hat mehr Wucht als jedes Plakat und war außerdem während der Diktatur eine kluge Form des Widerstands.

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Links
Der andere 11. September – 40 Jahre Militärputsch in Chile
Cueca traditionell: http://www.youtube.com/watch?v=TlexP-gvp_s
Cueco sola: http://www.youtube.com/watch?v=GzQutGNFQqE