P1010448Straßenköter gibt es in Santiago überall: Sie schlafen neben der Wache des Präsidentenpalasts, tippeln durch die Fußgängerzone oder schnüffeln verstohlen vor den Metzgereien herum. Niemand führt sie Gassi oder verpasst ihnen ein Flohhalsband – trotzdem gibt es eine besondere Bindung zwischen Chilenen und den Streunern.

Straßenhunde sind genauso Bewohner dieser Stadt, wie die Menschen und so werden sie meist auch behandelt. Die Chilenen füttern und kraulen sie und gehen auch mal dazwischen, wenn Rüden aneinander geraten. Sie sind überall dabei: Ich habe Hunde im Publikum eines Konzertes gesehen und wenn die Betrunkenen von den Tanzflächen der Clubs auf die Straße wanken, werden sie von zerzausten Pfiffis erwartet, die sich kraulen lassen und darauf hoffen, dass ein Stück fettige Pizza für sie abfällt.

Hundefutter auf dem Gehweg

Oft habe ich beobachtet, wie Chilenen Essensreste auf die Straße stellen oder Hundefutter auf den Gehweg streuen. Manchmal wählt ein Streuner einen Passanten (meist nachdem der ihn gekrault oder gefüttert hatte) und begleitet ihn auf seinem Weg. Auch bis ins nächste Stadtviertel. Rennt ein Hund auf die Straße und ein Auto kommt, greifen Chilenen rettend ein. Die Hunde hingegen flitzen auch gern mal kläffend neben einem Auto her.

Begegnet ihnen ein zerzauster Herumtreiber, rufen die Chilenen mit Begeisterung „Perrrritooo“ (Hündchen), tätscheln das Fell des Tieres oder werfen ihm zumindest einen wohlwollenden Blick zu. Weil das Verhältnis zwischen Hund und Chilene so herzlich ist, sind die Streuner meist sehr entspannt und anhänglich. Noch nie bin ich von einem Straßenköter angebellt worden. Auf der Gegenseite hat das auch Folgen: Nicht selten haben Chilenen wegen ihrer Tierliebe Flöhe. Glücklicherweise bin ich davon bislang verschont geblieben – und das, obwohl ich mich nur selten bremsen kann, die Tiere zu streicheln, wenn sie schwanzwedelnd auf mich zu getrippelt kommen. Vielleicht hätte ich mich doch gegen Tollwut impfen lassen sollen…

Tollwut und Flöhe hin oder her: Das Straßenköterphänomen ist für mich vor allem nicht nur eine charmante Macke, sondern ein Symptom der Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Chilenen.