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Kurz vor der Abreise mache ich Bekanntschaft mit einem seltsamen Gefühl: der Abschiedsnostalgie.

Plötzlich fällt mir ein, dass der Herbst meine Lieblingsjahreszeit ist. Mit wehem Herzen male ich mir aus, wie ich in einen kuscheligen Schal gehüllt durchs Laub schluffe. Güldene Sonne, kristalline Luft, dramatische Stürme – all das scheint mir auf einmal unwiderstehlich verlockend. Ich bin sicher, dass diese Gedanken, sobald ich einen Fuß auf chilenischen Boden setzen werde, irgendwo da oben in den Wolken haften bleiben und zurück ins nieselige Berlin fliegen werden. Aber jetzt suhle ich mich darin.

Ich wache nachts auf und Berlin erscheint mir paradiesisch. Mein Kiez, mein Garten, meine Freunde und ach, die Bars und Swingtanzen sowieso. Und dann stelle ich mir vor, wie ich in Südamerika auf durchgelegenen Matratzen Rückenschmerzen der Hölle züchte, finstere Gestalten um mich herumschleichen und ich mangels vegetarischer Verpflegung Hunger leiden muss.

Wenn ich jetzt mit Freunden zusammensitze, zieht mir manchmal das Herz, weil ich weiß, dass ich sie vermissen werde. Der kleine Bruder, der zwei Köpfe größer ist als ich, drückt mich, steigt in den Zug und ich will nicht mehr in den Flieger. Der gleiche Impuls überfällt mich während ich mit meinem Vater Waffeleis schleckend durch die Berliner Nacht spaziere.

Aber dann passieren auch solche Dinge: Meine Mutter ruft nach einem langen Telefonat noch einmal an, nur um zu sagen: „Ich find gut, dass du das machst!“ Und dann lädt mich die Freundin, die allein eine Weltreise gemacht hat, zu Tagliatelle ein, wenn ich nervös werde. Und dann zeigt mir meine Nachbarin Fotos von ihrem Südamerika-Trip und ich sehe, wie sie auf dem Machu Picchu strahlt und denke: „Ah, jetzt fällt’s mir wieder ein. Genau das will ich auch.“

Manchmal, wenn ich so nostalgisch werde und Sachen denke wie „Zuhause ist es doch am schönsten“ oder „Der Winter in Berlin kann ja auch ganz kuschlig sein“, muss ich über mich selbst lachen, weil ich weiß, dass ich das gar nicht bin. Aber so ein Bad in Melodramatik kann auch großen Spaß machen: Einfach mal das ganz große Pathos auspacken, alles auf die Waagschale legen, bedeutungsschwere Abschiedsworte an Familie und Freunde richten. Muss auch mal sein.

Es ist gut, zu wissen, was man zurück lässt. Das schmerzt nicht nur, sondern macht mich auch froh. Und meine Güte – es sind ja auch nur dreieinhalb Monate.