BuenosAires2Was für andere das Sahnehäubchen, ist für mich die Crema. Ich liebe Espresso und ich habe Ansprüche. Schwappt im Tässchen eine schwarze Brühe, runzle ich die Stirn. Nur mit karamellfarbener Crema wird die Sache für mich rund. Und kräftig muss er sein, dass es einem einen Wumms ins Hirn setzt. Herrlich finde ich eine leichte Schokoladennote.

Ich gebe zu, ich bin ein Espresso-Nerd. Und das ist in Chile echt ein Problem. Denn Kaffee gehen die Chilenen praktisch an: Heißes Wasser, Instantkrümel, fertig. Den Gipfel dieser Blasphemie erlebte ich in einem peruanischen Restaurant: Da servieren sie den Gästen doch tatsächlich eine Tasse heißes Wasser und stellen die Dose Instantkaffee dazu auf den Tisch.

Auf die Frage nach einem Espresso ernte ich oft verständnislose Blicke. Aber ich freue mich wie ein Schneekönig, wenn ich doch einen Café aufstöbern kann, das seinen Namen verdient, weil die Kellner sich die Mühe machen, gemahlene Bohnen durch eine respektable Espressomaschine zu jagen. Und so habe ich einen Fimmel entwickelt: Wo ich auch bin, suche ich nach so einem Ort.

Ein guter Espresso ist schon ein sehr guter Anfang, wenn dann aber auch noch das Drumherum stimmt, habe ich meinen Lieblingsort gefunden. K.O.-Kriterien sind für mich: Plastikmöbel, Neonlicht, schlechte Musik, durchgestylte Ketten.

Eine Auswahl meiner Espresso-Expeditions-Entdeckungen, die ich regelmäßig ergänze, gibt es hier (bislang aus Santiago, La Serena, Vicuña, Pisco Elqui, San Pedro, Chiloe (Castro, Dalcahue) und Buenos Aires:

SANTIAGO

Espresso-Bar La Vega
Der Markt La Vega ist in La Vega chica und La Vega Central unterteilt. La Vega chica hat zwei Stockwerke und gelangt man über die Treppen nach oben, gibt es auf der rechten Seite eine klitzekleine Espresso-Bar, an der eine herzallerliebste Señora, die einen deutschen Freund hat, mit dem sie über Zeichensprache kommuniziert, einen grandiosen Espresso serviert. Die Kaffeebohnen kommen aus Brasilien. Köstlich sind auch die kleinen Trüffelpralinen, die sie dazu serviert. Und das Beste ist, zum Kaffee lernt man auch eine Menge über das chilenische Volk, denn hier gibt es keine Schickimicki-Hipster mit Pappbecher, hier trinken ganz normale Chilenen ihren Kaffee: Marktschreier, Bürohengste, Feierabendkaffeetrinker, Liebespaare, der Opa mit seinem Enkel und Señoras, die nach dem Markteinkauf hier ihre Beine ausstrecken.

Café Cronica Digital
Plaza Brasil, Huerfanos con Maturana
In diesem Café an der schönen Plaza Brasil leisten der chilenische Sänger Victor Jara und der ehemalige Präsident Salvador Allende Espresso-Gesellschaft. Denn die Wände sind dekoriert mit Schlüsselfiguren des Widerstandes der Pinochet-Diktatur. Man kann an einem der Tische draußen auf dem Gehweg sitzen und die Menschen beobachten, die unterm Schatten der Palmen der Plaza Brasil flanieren oder aber drinnen den charmanten Kellnerinnen dabei zusehen, wie sie hinter der Kuchentheke wirbeln. Die Torten sind nicht nur üppig, sondern haben auch Geschichte und tragen deshalb Namen von historischen Persönlichkeiten. Dieses Café hat eine angenehme Energie, selbstverständlich spielen sie regelmäßig Musik von Victor Jara oder revolutionäre lateinamerikanische Lieder. Auch WiFi gibt es und ich bin zufrieden. Damit kann man auch auf das unabhängige politische Onlineportal Cronica Digital (www.cronicadigital.cl) zugreifen. Der Espresso kostet 1000 Peso.

 

LA SERENA

Trento Café
Matta 522
Im Zentrum La Serenas habe ich ein kleines Café entdeckt, das von italienischen Auswanderern betrieben wird und daher selbstverständlich einen hervorragenden Espresso serviert. Dazu gibt es Kuchen, Säfte und kleine Snacks und tatsächlich laktosefreie Milch, was mich als Laktoseintolerante besonders freut.

 

VICUÑA
 
Café Frida

Gabriela Mistral 691
Dieses charmante Café in einer ruhigen Straße nicht weit entfernt von der Plaza, hat mich komplett begeistert. Die Besitzerin kommt aus Mexiko und entsprechend farbenfroh hat sie die Räume dekoriert. Hier gibt es nicht nur einen guten Espresso, sondern auch Kuchen und leckere Snacks. Ich habe Quesedillas mit Ziegenkäse und ein Espresso bestellt und dafür 3180 Pesos bezahlt. Es lief großartige Musik von großartigen Frauen wie Janis Joplin. Ich hätte hier stundenlang hocken können und dass dieser schöne Ort auch noch nach der mexikanischen Malerin Frida Kahlo benannt ist, finde ich einfach nur fantastisch. Kompliment an die Wirtin. Würde ich ihn Vicuña wohnen, wäre dies der Ort, an dem man mich finden kann.
Café Frida bei Facebook: http://tinyurl.com/mzaommm



SAN PEDRO DE ATACAMA

Salon de Te O2
Caracoles
Herrlich entspannt ist dieses Café, weil man vom Touristenrumel der Souvenirlädenstraße Caracoles in den schattigen Open-Air-Innenhof flüchten kann. Das Café wird von einem chilenisch-französischen Paar souverän betrieben und ihre Kuchen sind ein Gedicht. Was ich allerdings nicht so prächtig fand, war: Jedesmal, wenn ich dort war, funktionierte die WiFi-Verbindung nach exakt 30 Minuten nicht mehr. Nicht cool.
Salon de Te O2 bei Tripadvisor: http://tinyurl.com/kmtzqcd

 

CHILOE
DALCAHUE, Chiloe

Café Casita de Piedra
am Hafen, gleich neben dem Handwerkermarkt
Wunderschön ist dieses liebevoll geführte Café in Dalcahue auf der Insel Chiloe. Die Fassade ist mit Steinen dekoriert (daher der Name) Unten gibt es ein kleines Geschäft, in dem man Wollpullover in phantastischen Farben und mit raffinierten Schnitten, schöne Keramikarbeiten, Hausschuhe, Ohrringe und Cremes kaufen kann. Über die Treppe gelangt man in den Cafébereich, der nicht nur sehr liebevoll eingerichtet ist, sondern auch einen herrlichen Blick über den Hafen bietet. Und der Kaffee ist einfach nur gut. Crema, Geschmack, Temperatur – ich war begeistert. Außerdem bietet die Karte Spezialitäten wie Ristretto, Cortado, Mokka oder heiße Schokolade. Dazu kann man Orangentorte, Erdbeerkuchen oder Pie de limón bestellen. Ein Espresso kostet 1000 Pesos.
Casita de Piedra bei Facebook: https://www.facebook.com/artesania.casitadepiedra

 

CASTRO, Chiloe

Marions Café Aleman
Calle Serrano, zwischen Blanco Encalada und Latorre
Wer trotz hinreißender Landschaft auf der Insel Chiloe ein wenig Heimweh hat, sollte Marions Café Aleman besuchen. Auf kuscheligen Polstermöbeln zwischen alten Teepötten und pausbäckigen Engelchen servieren die fröhliche Marion und ihr gut gelaunter Mann Espresso, Filterkaffee und kredenzen dazu köstliche deutsche Kuchen. Der Apfelkuchen war ein Gedicht! Die beiden sind nach Chile ausgewandert und haben dort eine Farm gekauft, auf der sie Alpakas halten und die Natur genießen. Im Café gibt es neben dem exzellenten Kaffee auch ein reich bestücktes Frühstücksbuffet. Ich durfte mir Fotos vom neugeborenen Alpaka anschauen und habe mich äußerst herzlich umsorgt gefühlt. Und prima Ausflugstipps gab’s noch obendrein.
Marions Café Aleman bei Tripadvisor: http://tinyurl.com/pkr83st

 

BUENOS AIRES

Café Bartola
Soho, Ecke Gurruchara und Costa Rica
Zauberhaftes Café – von der Kaffeetasse über die Kuchenpräsentation bis hin zu den Klos: Hier ist alles herzerfrischend gestaltet und mit Stil ausgewählt. Ein Ort, an dem ich mich sofort wohl gefühlt habe, auch wenn die Karte leider recht teuer und die Kellner etwas langsam sind. Man kann hier herrlich an den pastellfarben gestrichenen Tischen draußen sitzen oder aber sich an der bunten Pünktchen- und Streifendekoration innen berauschen. Der Kaffee ist einwandfrei und sogar der Besuch der Toilette ein Erlebnis.
Das Café bei Facebook: https://www.facebook.com/bartolabsas

 

Pride Café
San Telmo, Pasaje Guiffra
Müde vom Stöbern im Cineastenshop „Cine Si“ bin ich ins Pride Café gleich auf der anderen Straßenseite gestolpert. Auch hier kann man wunderbar draußen sitzen, auch wenn die kleine Baustelle nebenan ein wenig unkomfortabel ist. Aber auch drinnen habe ich mich gleich wohl gefühlt. Zum guten Espresso habe ich einen riesigen Haferflockencookie verdrückt und an den Nebentischen gesehen, dass man hier auch prima zu Mittag essen kann. Das Café ist klein und Kellner wie Gäste sehr entspannt. Mir gefällt auch ganz besonders, dass es ausdrücklich betont, dass hier Schwule und Lesben ebenso herzlich willkommen sind wie Heteros.
Weil ich kein Bild habe, hier ein Eindruck des Pride Café bei Buenos Aires connect (Spanisch): http://tinyurl.com/n7qvvxm