P1010443Ich mache Bekanntschaft mit zwei Klassikern: Dem chilenischen Cocktail „Terremoto“ (Erdbeben) und der ältesten Kneipe Valparaísos – eine riskante Mischung, wie sich herausstellen sollte.

Liberty heißt die älteste Kneipe Valparaísos. Sie ist eine Dame, der man ihren exzessiven Lebensstil ansieht. Auf den Möbeln, der Theke und an den Wänden klebt die Patina durchzechter Jahrzehnte. 116 Jahre lang sind hier die Weingläser über die Theke gereicht worden. Ich war begeistert: In schrammeligem Ambiente trinken die Einheimischen ihr Bier, spielen Karten und fallen betrunken vom Barhocker. Hinter der Theke staut sich Gerümpel, darüber hängt eine beeindruckende Sammlung zerknautschter Mützen, die Gäste dem Wirt geschenkt haben. An den Wänden kleben vergilbte Fotografien, Poster, Tierschädel, Fahnen und zerfledderte Girlanden. Urgesteine Valparaísos, finstere Gestalten, Frauen mit spirituosengegerbter Stimme, Rentner in Fußballtrikots, Jugendliche mit Käppis lungern hier herum. Und ich.
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Neben mir an der Bar sitzt ein ehemaliger Matrose. Er hat mal in Hamburg gelebt („Reeperbahn!“). Dort hatte er eine Frau und als er mich Deutsch reden hört, lehnt er sich erst an meine Schulter, dann rinnen ihm die Tränen über die Wangen, weil er sich an seine verlorene Liebe erinnert. Vor ihm steht ein Glas Terremoto. Das ist ein Cocktail (süßer fermentierter Wein, Ananas-Eis mit Cognac, Pisco oder Fernet und Grenadinesirup) der furchtbar süß ist und seinem Namen „Erdbeben“ nicht ohne Grund trägt. Der Matrose spricht also mit mir und es ist alles prima, das Getränk ist noch halbvoll, die Tränen rollen, er nimmt einige große Schlücke, das Glas ist leer und sein Konsument plötzlich ein anderer. Er redet wirres Zeug, stößt sich den Kopf an der Klotür und dann kommt, was Deutschen im Ausland eben immer mal wieder passiert: der Hitlergruß. Uff, ich schieb das jetzt einfach mal auf den Terremoto und mache, was man bei einem Erdbeben tun sollte: Flucht ins Freie.
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