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Menschen gehen auf Rummelplätze, um Geld für Schwachsinn auf den Kopf zu hauen, um ihren Magen mit zuckrigen oder fettigen Speisen und halsbrecherischen Karussellfahrten herauszufordern. Das ist in Deutschland so und in Chile nicht anders. Es ist eine glitzerbunte Plastikwelt, in der Alltag nichts zu suchen hat. Ich finde, dass man hier viel über die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen lernt und deshalb schlendere ich über einen der plastiküberschwemmten Jahrmärkte Chiles.

Ich sehe grauhaarige Ehepaare, die sich mit Trachten herausgeputzt und ein paar Pesos für einen tropfenden Fleischspieß zusammengekratzt haben. Kinder, die ihre Augen an bunte Bälle, wabernde Hüpfburgen und glänzende Zuckerware heften. Junge Mädchen, die über dem Plastikbecherrand eines Terremotocoktails zu den Jungs rüberschielen. Männer mit blau-weiß-roten Hüten, die Fleischberge braten oder versuchen, das Publikum mit schmissiger Musik und Zahnpastalächeln dazu zu animieren, ihren Lohn in ihre Kasse zu spülen. Mehr noch als in Deutschland habe ich hier den Eindruck, dass den Menschen gnadenlos das Geld aus der Tasche gezogen wird.
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Als Preise einer Tombola werden ihnen billige Kekspackungen oder schrille Plastikware überreicht. Nebenan hat ein Mann Wein- und Spiritousenflaschen in einen Sandhaufen gesteckt und reicht seinen Kunden für eine Handvoll Pesos Holzringe. Wer einen Ring über einen Flaschenhals wirft, darf das Getränk mit nach Hause nehmen. Die Ringe sind allerdings so bearbeitet, dass sie in der Luft eiern und die Öffnung so klein, dass es im Grund unmöglich ist, den Flaschenhals zu treffen.

Plastiktsunami überrollt chilenische Kultur

Ein paar Meter weiter drängen sich die Menschen um einen Stand. Auf einem Plakat über ihren Köpfen tanzt ein Meerschweinchen. Ein Mädchen mit langem braunem Haar tauscht Pesos gegen Holztäfelchen, auf die Nummern gepinselt sind. Zu ihren Füßen hockt in einer Holznische ein verschüchterter Nager. Anderswo würde er ausgestreckt und durchgebraten auf einem Teller liegen, hier huscht es in nummerierte Häuschen und wer die richtige Zahl in der Hand hält, darf Dosenpfirsiche mit nach Hause nehmen. Die, die nichts gewinnen, geben meist noch mehr Geld an den Nachbarständen aus – für aufblasbare Gummitiere, Süßspeisen in Neofarben und grotesk blinkendes Plastikspielzeug, das schon auf dem Heimweg den Geist aufgibt. Oder sie betrinken sich mit zuckrigen Terremotocoktails.

Das ist zugleich faszinierend wie deprimierend. Die Menschen geben das wenige Geld, das sie haben, für Quatsch aus und die Verkäufer preisen schamlos Schrott zu Wucherpreisen an. Das habe ich nicht nur auf dem Rummel beobachtet, sondern auch in den Einkaufsstraßen. Das Land ist mit Plastik überschwemmt. Mich macht das traurig, weil diese schrill-bunte Schicht die chilenische Kultur zukleistert und damit auch die Identität des Landes. In den archäologischen Museen kann man hinreißendes Kunsthandwerk entdecken, aber statt diese Kultur zu pflegen, stürzen sich die Menschen auf globalisierte Billigware und diskriminieren das indigene Volk der Mapuche. Wie schade.

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Fotos vom Rummelplatz in Valparaíso: