DSC01195„Plopp!“, macht es in mir und ein eiskalter Film legt sich über meinen Körper – so hat es sich angefühlt, als ich die Katatrophe bemerke. Ich war in La Serena zeitig am Busbahnhof und hatte eine 16-stündige Fahrt in die zauberhafte Atacama Wüste vor mir. Ich habe einen fantastischen Platz mit Panoramafenster und als ich meine Beine auf der Fensterablage ausstrecke und die Wartenden am Busbahnhof beobachte, fallen mir zwei Männer auf, die ich gerne fotografieren möchte. Ich krame in meiner Tasche, um die Kamera herauszuholen. Ich krame in meiner Tasche. Ich krame in meiner Tasche. Ich krame… und dann macht es „Plopp!“ Die Kamera ist weg! Geklaut? Verloren? Die Gedanken rasen, stolpern. Und dann der Moment des Nicht-wahr-haben-wollens. Nein, das kann nicht sein. Doch, die Lage ist leider ernst.

Noch steht der Bus am Bahnhof, fünf Minuten bis zur Abfahrt. Ich überlege, ob ich raushüpfe und zurück zum Hostel laufe, um die Kamera zu suchen. Da schließen schon die Türen und der Fahrer drückt seinen Fuß aufs Gaspedal. Ich bin wie gelähmt. „Ich fahren in die Atacama-Wüste und habe keine Kamera!“, brüllt es in meinem Kopf und dann wird mir das ganze Ausmaß bewusst: Reisen ohne Fotos? Unmöglich. Mein Blog, die Erinnerungen. Eine neue Kamera kaufen? Mein Budget ist knapp. Dann: Kramen in der Erinnerung. Wann hatte ich sie das letzte Mal in der Hand? Mir fällt das Foto im Hostel ein, das ich von dem seltsamen Toaster gemacht habe. Hab ich sie danach wieder in die Tasche gesteckt? Weiß nicht. Ich krame wieder in der Tasche – diesmal fische ich den Reiseführer heraus, um die Telefonnummer des Hostels zu suchen. Habe ich die Kamera in der Küche liegen lassen oder liegt sie unter den Laken im Bett? Die Küchevariante bedeutet für mich: Die Kamera ist weg. Tief eingegraben haben sich die Warnungen vor Langfingern in Südamerika. Sicher stöbert dann jetzt schon jemand durch meine Bilder aus dem Valle Elqui. Ich hoffe also darauf, dass sie noch immer in Laken gehüllt in meinem ehemaligen Zimmer liegt.

Das letzte Foto in La Serena: Der wunderliche Toaster

Das letzte Foto in La Serena: Der wunderliche Toaster

Ich wähle die Nummer des Hostels, aber ich habe keine Verbindung. Dass die Dinge in Chile nicht so einfach funktionieren, wie in Deutschland, weiß ich schon. Ein Anruf über das Handy selbstverständlich auch nicht. Man muss irgendwelche Zahlencodes vor die eigentliche Nummer stellen. Ruft man vom Handy aufs Festnetz an, gibt es eine Vorwahl und für jede Region, die man erreichen möchte, ebenfalls. Ich blick da nicht durch. Weil ich so nicht weiterkomme und auch das nette Ehepaar neben mir keinen Rat hat, schreibe ich einem chilenischen Freund eine SMS und bitte ihn, für mich im Hostel anzurufen. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten. Ich sitze im Bus, eine zauberhafte Landschaft breitet sich vor dem Panoramafenster aus, aber ich quäle mich mit meinem Kameradrama. Schaue ständig auf mein Handy, in der Hoffnung auf eine rettende Nachricht. Aber mittlerweile braust der Bus durch die Wüste und ich habe keinen Empfang. Und als ich auf die Andengipfel am Horizont schaue, macht es in mir plötzlich wieder „Plopp“ und ich entscheide: „Das kannst du jetzt eh nicht ändern. Akzeptiere die Situation. Wenn die Kamera weg ist, kauf halt ne Neue. Punkt. Wenn du dich zermaterst, macht das alles nur noch schlimmer.“

Und dann piept das Handy: Die Kamera war in der Küche. Der Hostelbesitzer hat sie tatsächlich gefunden und schickt sie mit der Post nach Santiago, wohin ich nach meinem Atacama-Trip zurückkehre. Ich bin erstmal sprachlos und dann so erleichtert, dass ich aussteigen und um den Bus hopsen möchte. Stundenlang hatte die Kamera in der Hostelküche gelegen und keiner hat sie geklaut. Unfassbar. Und dass der Hostelbesitzer sich auch noch die Mühe macht, die Kamera mit der Post zu schicken, rührt mir das Herz. Selten war ich so dankbar. Die atemberaubende Atacama Wüste habe ich dann mit meinem uralten Handy fotografiert – die Bilder sind allerdings überraschend gut geworden. Hier ein kleiner Vorgeschmack, bald mehr auf Rock und Rollkoffer:

Atacama Wüste: Überraschend schön mit dem Handy fotografiert.

Atacama Wüste: Überraschend schön mit dem Handy fotografiert.

Dampf und Wüste: Ein Hoch auf meine Handykamera!

Dampf und Wüste: Ein Hoch auf meine Handykamera!

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