P1010357Hier könnte ich bleiben. Nicht für zwei oder drei Wochen, sondern mit Job und Wohnung und allem drum und dran. Valparaíso hat einen Charme, der mich sofort umgehauen hat: Man kann sich prima zwischen bunten schiefen Häuschen verlieren, aber es ist keine Disneywelt. Nicht nur den Villa-Kunterbunt-Charme finde ich bezaubernd, sondern auch den abblätternden Putz und das schroffe Gesicht, das dahinter hervorblitzt.

Kleine Gässchen schlängeln sich um mehrere Hügel, die zum Teil ganz schön steil sind. Quietschende Aufzüge transportieren Passagiere in die oberen Etagen. Zu Füßen dieses Gewirrs spült das Meer seine Gischt an Strände und Hafen. Die meisten Häuser haben einen atemberaubenden Ausblick und während nachts die Lichter auf den Hügeln schillern, feiern die Menschen in den Bars und Clubs bis der Dielenboden kracht.

Die Graffiti-Szene blüht hier - weil die Künstler nicht bei Nacht und Nebel arbeiten müssen, können sie sich hier voll austoben.

Die Graffiti-Szene blüht hier – weil die Künstler nicht bei Nacht und Nebel arbeiten müssen, können sie sich hier voll austoben.

Sobald die Sonne wieder aufgeht, zeigt die Stadt ihr schönstes Make-up: Häuserwände, Türen und Mauern sind geschmückt mit Graffiti. Und das sind keine uninspirierten Tags und plumpe Parolen, sondern durchkomponierte farbenfrohe Kunstwerke. In Chile werden Graffiti geduldet, Valparaíso brüstet sich sogar damit und so können die Graffiti-Künstler in aller Ruhe bei Tageslicht ihre Bilder sprühen. Jeder Spaziergang ist wie ein Ausstellungsbesuch. Nie weiß man, was einen an der nächsten Ecke erwartet.

Bunte Gesellen mit scharfer Schnur

Mir gefällt außerdem, dass Valparaíso – auch wenn es Touristenmagnet ist – sich seinen eigenen Charakter bewahrt hat. Die Touristen sind zwar da, aber hier nur Gast, die Stadt hat sich dem Rummel nicht prostituiert, ihre Resistenz und ihren herben Charme hat sie sich bewahren können. Viele Menschen sind arm sind und was sie nicht kaufen können, sondern improvisieren müssen, ist ein Geschenk für diese Stadt, weil es ihr ihren einzigartigen Charakter verleiht.

Und nicht nur an Häuserwänden gibt es was zu gucken: Wenn man den Blick in den Himmel hebt, tanzen dort bunte Papierdrachen, die man für ein paar Pesos an jeder Ecke kaufen kann. Die Drachenbändiger lassen sie über gigantische Holzrollen in schwindelerregende Höhen steigen und liefern sich unter dem blauen Himmel erbitterte Gefechte: Sie bearbeiten die Schnur mit Glasscherben, sodass sie rasiermesserscharf ist. Damit versuchen sie, die Schnur eines Rivalen zu umschlingen und so seinen Drachen zu kappen. Deshalb segelt einem immer mal wieder ein bunter Geselle zu Füßen. Einige kennen das Spiel vielleicht auch aus dem Roman oder gleichnamigen Film “Drachenläufer”. Diese Geschichte spielt allerdings in Afghanistan.

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Ich habe hier kein Touri-Programm gemacht, sondern war bei Freunden zu Besuch. Ich bin durch die Straßen gestreunert, wir haben gekocht, getrunken, getanzt und lange geschlafen. Es war eine Festwoche – nicht nur, weil ich so eine schöne Zeit mit wunderbaren Menschen um mich herum hatte, sondern weil ganz Chile gefeiert hat. Der 18. September ist Nationalfeiertag, den die Chilenen einfach mal eine ganze Woche lang feiern. Überall im Land gibt es Jahrmärkte und Feste, bei denen Chiles Nationaltanz Cueca (Was ist Cueca?) zelebriert wird. In Straßen, Restaurants, Cafés und Supermärkten hängen Girlanden, Schleifchen und Luftballons in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau und das schon Wochen vorher. Vor allem aber ist es für die Chilenen ein Anlass, sich hemmungslos zu betrinken.

Links:
Cueca – Schüttel Dein Tüchlein