Nachdem ich mich jetzt ausgiebig über Machoattacken auf Chiles Straßen aufgeregt habe, stelle ich jetzt die charmantesten Eigenschaften der Chilenen vor. Sieben Monate lang bin ich schon in dem schlanken Land zwischen Pazifik und Andengürtel. Bei weitem glaube ich nicht, dass ich die Menschen und ihre Kultur verstanden habe (und damit meine ich nicht die Sprache, die allerdings auch ein Feld für sich ist), aber ein paar Strukturen zeichnen sich für mich dennoch ab, sodass ich mich an eine kleine Charakterstudie wage.

Also, festhalten, liebe Chilenen, das hier mag ich an Euch:

1. Humor
„Die Chilenen sind die Briten Südamerikas“, sagte mir in Peru eine Deutsche, die ein paar Wochen durch Chile gereist war. Ich hielt das zunächst für eine sehr steile These und wollte gleich protestieren, weil ich an Tweedjacken und Teetrinker mit abgespreiztem Finger dachte. Was sie aber meinte, war der schwarze Humor, den die Chilenen mit den Briten gemein haben. Und tatsächlich. Seit ich die Chilenen so einigermaßen verstehe (also seit etwa ein bis zwei Monaten), habe ich entdeckt: Macht ein Chilene ein Witz, wird dabei oft die Gürtellinie nicht etwa überschritten, nein, sie wird mit Anlauf übersprungen. Ob an der Fleischtheke, bei Bier und Erdnüssen oder in der Mittagspause mit Arbeitskollegen, die Chilenen würzen ihren Alltag gern mit rabenschwarzen Kommentaren. Dabei ziehen sie mit Vorliebe sich selbst durch den Kakao. Und Menschen, die über sich selbst lachen können, finde ich nicht nur sympathisch sondern großartig.

2. Hilfsbereitschaft
Himmel und Hölle setzt ein Chilene in Bewegung, wenn ein Freund oder ein Familienmitglied Hilfe braucht. Die Köpfe rauchen, bis gemeinsam eine Lösung gefunden wird. Immer gibt es einen, der jemanden kennt, der helfen kann. Einen Job findet ein Chilene über Freunde, Familie oder Bekannte. Brennt das Haus auf die Grundmauern nieder, helfen selbstverständlich alle, die Katastrophe zu lindern. Die Menschen umgibt ein Netz, dem der chilenisch Haifischbecken-Neoliberalismus nichts anhaben kann – vielleicht hat der harte Wettbewerb ums Überleben die Bindungen aber auch fester zusammen gezurrt und vielleicht haben auch viele Chilenen während der Militärdiktatur gelernt, wie wichtig es ist, zusammen zu halten. In Chile Familie und Freunde zu haben, bedeutet auch, dass da immer eine Hand oder Rettungsring ist, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.

3. Herzlichkeit
Die Kellnerin begrüßt mich mit „Hijita“ („Töchterchen“), die Kioskverkäuferin überschlägt sich vor Begeisterung für meine „farbigen“ Augen, der Markthändler nennt mich „Reina“ („Königin“) und lerne ich neue Menschen kennen, werde ich geherzt, gedrückt und mit guten Wünschen überschüttet, sodass ich selbst manchmal gar nicht dazu komme, angemessen zu reagieren, so baff bin ich über die Herzlichkeit, die mir entgegen gebracht wird. Sicher sind das oft auch Höflichkeitsfloskeln, die man nicht auf die Goldwaage legen kann, aber mir gefällt ihre Wärme und Intensität mit der sich die Menschen behandeln. Gefühle zeigen ist in Chile nicht etwa peinlich, sondern selbstverständlich: Eltern knuddeln ihre Kinder in der Fußgängerzone, Paare busserln in der U-Bahn, der Neffe legt im Restaurant den Kopf auf die Schulter der Tante – das ist nie unangenehm schmalzig, sondern rührend zärtlich und macht den Alltag einfach schöner. Und was mir besonders gut gefällt: Männer haben keine Scheu, Zärtlichkeit in der Öffentlichkeit zu zeigen, sei es für die Frau, die Mutter oder den Sohn.

4. Gastfreundschaft
Blöd in der Ecke rumstehen, weil man keinen kennt – ein Klassiker auf deutschen Parties. In Chile passiert das nicht. Wer allein Chips mümmelt, weil er keinen kennt, ist in Windeseile in Gespräche verwickelt. Das Glas in der Hand ist nicht einmal ganz leer, da schenkt schon der nächste nach. Die Chilenen sind da etwas sensibler als die Deutschen und es macht ihnen sichtlich Spaß, wenn die Bude voll ist und sie ihre Gäste verwöhnen können. Genauso selbstverständlich ist, dass alles geteilt wird.

5. Spontanität / Geselligkeit
Ein paar Anrufe reichen und wenige Stunden später füllt sich das Haus mit Gästen, Fleisch brutzelt auf dem Grill und ein Trüppchen zieht los, um am Kiosk an der Ecke Getränke zu besorgen. Oder es klingelt an der Tür, Spontanbesuch von Freunden und es wird mal eben fix ein Essen für zehn Personen improvisiert. Und es ist keineswegs so, dass bei einer Einladung zum Abendessen, alles fix und fertig auf dem Tisch stehen muss: Während die Leute eintrudeln, fangen die Gastgeber an zu kochen und die Gäste helfen. Das ist meist chaotisch aber auch sehr lustig. Chilenen sind leicht für eine Sache zu begeistern, gut möglich, dass sie es am nächsten Tag wieder vergessen haben, aber die Hingabe zum Moment finde ich herrlich. In der Gruppe fühlen sich Chilenen am Wohlsten, je mehr Leute, desto besser. Während in Deutschland viele zu zweit ausgehen, ist das in Chile ein seltenes Bild. Auch Paare sind meist in Gruppen unterwegs, statt allein vor sich hinzuturteln.

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