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Südamerika gilt als El Dorado des Machismo. Ich hatte das Schlimmste befürchtet und in Chile ist das so: Geht eine Frau über die Straße – eigentlich keine besonders spektakuläre Aktion – scheint es für einen chilenischen Mann unmöglich, dies nicht zu kommentieren.

Dabei hat er unterschiedliche Techniken zur Auswahl: Der eine haucht „hermosssssssssssssssssssa!“, was in etwa wie „Hossa!“ betont wird und „Schöne“ bedeutet. Doch was ein schönes Kompliment sein könnte, klingt dank der dazugehörigen nonverbalen Kommunikation meist eher anzüglich als charmant. Ein anderer macht „Psssst, psssst“ – etwas, das ich ganz besonders hasse, weil ich mich dabei wie ein Hund behandelt fühle. Ein dritter stößt seinem Kumpel mit dem Ellbogen in die Rippen und raunt „linda“. Viele bellen ein „Hello, how are you?“, eine Antwort erwarten sie allerdings nicht. Sie alle scheinen dabei körperliche Schmerzen zu verspüren. Besonders Einfallslose Zeitgenossen rufen „Hola“, pfeifen oder glotzen einfach nur als hätte ich zwei Köpfe. Das geht nicht nur mir so, andere europäische Frauen haben mir dasselbe berichtet, aber auch Chileninnen machen diese Erfahrungen.

Der Klassiker, der meinen täglichen Weg begleitet, sind hupende Männer in Autos. Das wird besonders unangenehm, wenn ich eine Straße entlang gehen muss, in der es gerade einen Stau gibt. Da sitzen zu 99 Prozent gelangweilte Kerle am Steuer und wenn mir nicht gerade die Ehefrau auf dem Beifahrersitz giftige Blicke zuwirft, vertreiben sich die Herren die Wartezeit mit Glotzen und Hupen. Besonders nervig ist, wenn ich zu Fuß die Straße überqueren oder mit dem Rad links abbiegen will und der männlich besetzte Gegenverkehr in Zeitlupe an mir vorbeifährt, um in Ruhe glotzen zu können. Denn ich muss dann auch entsprechend länger warten, um mich weiterbewegen zu können.

Spießrutenlauf statt Fahrradausflug

Das alles könnte schmeichelhaft oder lustig sein. Wenn sich aber auf einem Weg von 30 Minuten ins Zentrum wirklich jedes männliche Wesen, dem man begegnet, ob 15 oder 80 Jahre alt, dazu berufen fühlt, mir irgendwelche Laute, Worte oder Blicke hinterher zu werfen, die allesamt wenig charmant sind, wird eine an sich schöne Fahrradstrecke durch laue Sommerluft zum Spießrutenlauf. Es ist nicht der Einzelne, der mich so kolossal nervt, sondern ich fühle mich von der Masse der Kommentare belästigt. Und ich mag auch nicht ständig in Abwehrhaltung über die Straße gehen und meine Energie dafür verwenden, mir Kerle vom Hals zu halten.

Verlasse ich das Haus, bin ich widerstandsfähig, die ersten zehn Minuten perlen Kommentare, Blicke und Gesten an mir ab wie Wassertropfen in der Teflonpfanne. Leider sammeln die sich aber innerhalb der nächsten zehn Minuten und ich denke erst mal: „Komm, ignorier das einfach. Die Sonne scheint und sonst ist alles prima“. Das hält mehr recht als schlecht die nächsten zehn Minuten und wer mir danach über den Weg läuft und auch nur den leisesten Mucks macht, lebt gefährlich, denn dann fehlt nicht mehr viel und ich möchte „Verdammt nochmal, kann man nicht mal fünf Minuten lang in Ruhe über die Straße gehen?!“, brüllen. Bislang konnte ich mich noch zurückhalten, aber ich bin sicher, dass in diesen Momenten meine giftigen Blicke auch schon Bände sprechen.

Es sind allerdings weniger die Kommentare an sich, die mich so auf die Palme bringen, was mich ganz besonders nervt: All das passiert hinter meinem Rücken. Erst wenn ich an den Kerlen vorbeigelaufen oder -geradelt bin und sie mir nicht mehr ins Gesicht blicken, legen sie los. Sie kommunizieren nicht mit mir, sondern kommentieren mich wie ein Auto, das vorbeifährt oder das neue iPhone im Schaufenster. Und interessant ist: Drehe ich mich um und blicke ihnen direkt ins Gesicht, sind sie plötzlich ganz kleinlaut, schauen weg und sind blitzschnell verschwunden.

Charmoffensive am Tomatenstand

Anders ist es, wenn ich mit den Männern spreche. Auf dem Markt, im Schreibwarengeschäft oder Café. Dann gibt es meist keine anzüglichen Kommentare, sondern Bemerkungen und Komplimente, die oft charmant, manchmal frech oder auch schüchtern sind. Viele Chilenen haben einen großartigen Humor. Der Marktverkäufer, zum Beispiel, der mir die Tüte mit den Tomaten überreicht und fragt „Wie machst du das?“. Und ich (klar): „Was? Die Tomaten?“ Er sagt „Dass du so schön bist. Was nimmst du?“, und legt eine Extra-Tomate in den Beutel. Haha, und weil er diesen Klischeespruch mit einem feinen ironischen Unterton und einem frechen Blitzen in den Augen vorträgt, muss ich herzlich lachen. Auch die Kollegen am Nachbarstand, die sich darum streiten, bei wem ich wohl einkaufen werde, entlocken mir ein Grinsen. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass Herren um die 50 aufwärts meist versierter, charmanter und respektvoller sind als ihre jüngeren Geschlechtsgenossen. Bin ich in männlicher Begleitung unterwegs, lassen mich die Machos, jung oder alt, selbstverständlich in Ruhe.

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Meine These, warum die chilenischen Männer so sind
Wie das mit in Argentiniern und Peruanern war